Auszüge aus dem originalem Tagebuch von Rosemarie Lüders, Tochter des letzten Gutsbesitzers in Salzow
Löcknitz, 5. 8. 45.
Man glaubt gar nicht, was ein Mensch alles
ertragen kann. Am 5. Juli wurde Vati tödlich
verwundet. Mutti erhielt einen Kopfschuß.
Abends gegen 9 Uhr kamen 2 Russen im Alter
von 17 bis 20 Jahren zu Dittmanns, wo alles
gerade beim Abendbrot saß. Sie fragten nach
dem Besitzer und ob er in der Partei war.
Vati bejahte dies. Da gaben die Russen 4
Pistolenschüsse ab. Vati wurde 2x getroffen,
dicht über dem Herzen und am Hals. Mutti
erhielt einen Kopfstreifschuß. Die Leute peschverloren
die Nerven und liefen davon. Vati und
Mutti rappelten sich dann auf und legten
sich aufs Bett u. Chaiselongue. Vati hatte
sich sehr quälen müssen. Er war noch bei
vollem Bewußtsein, hat bestimmt, wo er
beerdigt werden will! Am 6. Juli morgens gegen
3 Uhr ist Vati dann entschlafen. Schlafe gut,
mein lieber Vati. Für uns hast Du dein
Leben lang gearbeitet und gesorgt. Hoffentlich
war es nicht ganz umsonst und Salzow
bleibt uns erhalten. Ein schönes Ruheplätzel
unter der großen Eiche hat Vati gefunden.
Ich erfuhr erst am nächsten Morgen von dem
furchtbaren Ereignis. Teschkes gingen mit
mir raus nach Salzow. Unterwegs trafen wir
viele Russen, doch ohne Zwischenfälle kamen
wir nach Salzow. Vati lag da so kalt und
steif und Mutti war noch nicht verbunden.
Ich bat dann einen Flüchtling um Pferd
und Wagen und fuhr mit Mutti und den
letzten Habseligkeiten nach Löcknitz, nachdem
Russen mir noch unsern letzten Lederkoffer
mit Vatis letzten Anzug klauten. Dr. Lange
kam dann bald. Mutti hat sehr viel Blut
verloren. Der Schuß war sonst nicht gefährlich.
Das Jochbein ist etwas angekratzt,
die linke Ohrmuschel aufgerissen. Vatilein
ist am 7.7. gegen 10 Uhr beerdigt. Pastor
Labs soll sehr gut gesprochen haben. Ich
war nicht da. Man hatte mir keine Nachricht
gegeben. In der Apotheke sind wir so
gut aufgehoben wie nirgends; Hier gibt es doch
noch etwas zu essen. Mutti konnte zuerst
nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Ich
bekomme nun ½ l Milch für sie, die ihr
sehr nötig ist, sie wiegt nur noch 90 Pfund und
ist fast nur Haut und Knochen. Mich plagte
wieder mein Gelenkrheuma, und ich lag
auch mehrere Tage zu Bett. Allmählich
erfuhren wir auch Näheres über die Mordaffäre
Vatis, denn Mord war es. Peschel, der
Schweizer steckt dahinter. Früher hatten
wir eigentlich nie Differenzen mit ihm.
Kaum waren wir zurück in Salzow
als er und die Frau aufsässig wurden und
behaupteten, Vati hätte nichts mehr in Salzow
zu sagen. Die Frau ging in den Garten
stach den Spargel weg. Vati stellte sie mal
zur Rede deshalb und nahm ihr den
Spargel weg, darauf rief sie ihren Mann
der handgreiflich wurde, sie ging auf Mutti
los, die sich auch verteidigte. Billi war auch
dabei und fuhr dem Peschel in die Beine. Aus
Rache hat Peschel den treuen Hund ein paar Tage
später erschlagen. Er drohte, er wolle Mutti
erschlagen, wenn er sie mal alleine anträfe.
Nun hat dieser Mensch sich der Russen
bedient, um Vati und Mutti umzubringen. Ob
mir auch etwas passiert wäre, wenn ich in
Salzow gewesen wäre? Peschel war schon mal
ein paar Stunden verhaftet, wurde dann aber
freigelassen. Warum, weiß ich nicht. Die
Familie soll Salzow verlassen. Bis jetzt sind sie
immer noch da. Seit dem 8.7. ist ein Verwalter
vom Landrat auf Salzow eingesetzt, der
das Gut bewirtschaftet. Über 100 Flüchtlinge
kamen nach Salzow, um die Ernte einzubringen.
Unter anderen war eine Familie Krienke
die gerade noch am 5.7. nach Salzow
gekommen waren. Sie gaben sich als Deutsche
aus, sprachen polnisch u. russisch. Dieser
Krienke behauptete nun, Vati hätte ihm
Salzow geschenkt. Außerdem arbeitete er
immer gegen den Verwalter. Die Familie
mußte Salzow verlassen. Unser Haus
ist voll besetzt mit Flüchtlingen. Es sieht
wie eine Schmitterkaserne aus. Sonst ist es
aber sauber auf dem Hof, und im Garten
hält ein Gärtner Ordnung. Der Verwalter gibt
sich viele Mühe, all den Schwierigkeiten Herr zu
werden.
Löcknitz. 12.8.45.
Vatis Tod ist gesühnt. Das Ehepaar Peschel
wurde erschossen und wie Hunde eingescharrt.
Peschels mußten Salzow verlassen, trieben sich
aber hier noch in der Gegend herum. In der Nacht
vom 7. zum 8.8. gingen sie nach S. zurück, wurden
aber von der ausgestellten Wache gesehen und festgenommen.
Man sperrte sie in den Luftschutzkeller.
Gegen 1 Uhr nachts wurden sie nach Lö. abgeführt.
Sie unternahmen einen Fluchtversuch, wobei sie
erschossen wurden. Ich bin so glücklich, daß diese
Menschen nicht mehr sind, denn sie hätten noch viel
Unheil angerichtet. Sobald Mutti keine ärztliche
Hilfe mehr braucht, ziehen wir wieder nach Salzow,
wo wir uns mit dem Rest unserer Möbel
1 Zimmer einrichten wollen. -
Inzwischen hat man soviel schwere Schicksale
erfahren. Augenblicklich sind Flüchtlinge aus Danzig
hier, die binnen kurzer Zeit ihr Heim verlassen
mußten. Auf der Reise wurden sie mächtig
ausgeplündert. In Stettin herrschen trostlose
Zustände. Der Pole beansprucht St. für sich, noch ist
es aber nicht entschieden, on St. nicht doch noch
Freistadt wird. Die Polen haben schon den
ganzen östlichen Teil Deutschlands östl. der Oder.
Ostpreußen gehört zu Rußland. Alle Deutschen
müssen diese Osträume verlassen. Ein namenloses
Elend zieht über die Landstraßen. Ausgeplündert,
krank, ausgehungert ziehen Millionen
westwärts. Die Familien sind auseinandergerissen.
Seuchen wie Ruhr, Typhus u. Diphterie
grassieren und fordern täglich ihre Opfer. Medikamente
gibt es kaum. Hoffentlich bleiben Mutti
und ich gesund. Die Verpflegung ist immer noch
sehr mangelhaft. Seit 14 Tagen gibt es ½ Brot
pro Kopf u. Woche. Wenn es nur endlich mal Fett
und Nährmittel sowie etwas Zucker gäbe. Man
kann nun auch wieder Post schreiben. Wann
wird man wohl Nachricht von all seinen
Bekannten bekommen?
Berlin, 13. Okt. 45.
Inzwischen hat sich wieder allerhand ereignet.
Am 22. August erhielten wir von R. Mößmer dem Verwalter
von Salzow ein Schreiben, in dem der russische
Kommandant Mutti u. ihrem Anhang das
Wohnrecht und jegliche Unterstützung von Salzow
verwehrte. Nach meiner Rücksprache am nächsten
Tage mit Mößmer, hatte ich den Eindruck, als
ob die ganze Sache von ihm aus ginge. Ich ging
nun täglich nach Salzow, um etwas Geschirr zu
holen, da mir auch kein Fuhrwerk zur Verfügung
gestellt wurde. Um die Bettstellen bat ich vergebens.
Großmuttis Teppich verkommt auch, auf Frau Dittmanns
Boden. Nach einigen Tagen sagten mir die
Leute, daß die Russen geäußert hätten, sie würden
mich verhaften, wenn ich wieder käme. Also durfte
ich nun auch nicht mal mehr Salzow betreten.
Am 29.8. fuhr ich nach Gribow, um mal mit
Tante Käte über die ganze Angelegenheit zu sprechen.
Am 2.9. kam ich zurück und begang die
große Dummheit, mich allein einem Russenauto
anzuvertrauen, um nicht den Fußmarsch von Pasewalk
machen zu müssen. Von Pasewalk in Richtung
Stettin verkehren nur sehr unregelmäßige Güterzüge. In
Löcknitz wollte der Russe nicht halten. Als ich dann schrie,
schlug er mich. Da hieß es für mich, raus aus dem Auto,
wie, ist gleich. Zuerst warf ich meinen Rucksack heraus
und sprang dann selbst aus dem fahrenden Auto. Ich
muß eine klein [sic] Gehirnerschütterung gehabt haben, denn
ich wußte nicht, wie ich zu Pohlenzens gekommen bin.
Gebrochen habe ich mir nichts, nur meine Knie, mein
Gesicht und die linke Hand hatte große Hautabschürfungen.
Mein linkes Knie hatte einen Bluterguß. Ich mußte
mehrere Tage im Bett liegen und humpelte dann herum.
Am 15.9. fuhr ich dann wieder ab gen Gribow. Bärbel u.
ich wollten nach Berlin, um beruflich etwas zu erfahren.
Am Sonntag kam ich in Gribow an. Man braucht für
die kurze Strecke 1 Tag, da nur 1 Zug täglich in Richtung
Stralsund ab Pasewalk geht. Bis Pasewalk fuhr
ich mit einem Güterzug. Am 17.9. fuhr ich nach Gryps
um Verschiedenes zu besorgen, unter anderem die
Reisebescheinigung nach Berlin, die ich erst am nächsten Tag
abholen konnte. Am 18.9. fuhr ich also zunächst nach
Gryps und mittags weiter nach Pasewalk, Bärbel stieg
in Züssow mit dem Gepäck zu. Der Zug war unheimlich
voll. Es war einfach nicht möglich, hineinzukommen,
so stiegen wir oben auf das Dach und sind bei
gutem Wetter recht gut gefahren. In Pasewalk schleppten
wir mit dem schweren Gepäck zu Fr. Selke, fanden aber keine
Aufnahme und zogen weiter zu Bärbels Vetter Klaus
Dienemann und konnten dort übernachten. Am nächsten
Tag zogen wir um 5 Uhr früh zum Bahnhof. Der Zug
solte um ½ 7 Uhr fahren und war schon so voll, daß
wir nicht mehr herein kamen, also ging es wieder
aufs Dach. Morgens war es recht kühl, aber da schönes
Sonnenwetter war, wurde es bald wärmer.
Der Kontrolle in Eberswalde entgingen wir und kamen
gegen 14 Uhr in Berlin an und überfielen Ta. Kätes
Freundin, Frau Schumann. Bärbel fuhr am nächsten
Tag nach Quedlinburg. Ich besuchte Tante Ursula u.
die B.R.A. (leider ohne Erfolg) Bärbel kam am 22.9.
zurück. Am 23. erfuhren wir, daß Transporte nach
Westdeutschland gehen und ließen uns am 24. registrieren,
fuhren am nachmittag gleich ab, um unsere
Mütter zu holen. Am 25.9. landete ich nach dem
Fußmarsch von Pasewalk in Löcknitz. Mutti war mit
allem einverstanden und am 26.9. begaben wir uns
gegen 13 Uhr auf den Löcknitzer Bahnhof. Die Warterei
auf den Güterzug begann. Nichts kam. Gegen 4 Uhr
kam eine Lokomotive, die uns Gott lob mitnahm [auf d. Kohlentender]. So
kamen wir zwar etwas naß, denn es regnete gerade,
in Pasewalk an. Ta. Käte und Bärbel fanden wir in
der Nacht auf dem Bahnhof [Pasewalk] schließlich auch. Als gegen
23 Uhr der Zug aus Berlin einlief, stürzte sich gleich alles
darauf, und es gab beinahe Hauen u. Stechen. Anderen
Fahrgästen verschwanden dabei Koffer u. Säcke. Alles
wurde gut gepackt und man saß auf seinem Gepäck. Als
der Zug dann auf ein totes Gleis gezogen wurde, fürchtete
ich um unser Gepäck, denn in P. wird dort immer
geplündert. Es ging dann nochmal gut ab. Schließlich
graute der Morgen und wir dampften gen Berlin.
In Eberswalde sollten wir den Zug verlassen, da wir
keinen russ. Stempel auf unserer Reisebescheinigung
hatten. Doch Frechheit siegt, und die bangen Minuten
gingen auch vorüber. Gegen 13 Uhr kamen wir in
Berlin an und waren um 16 Uhr bei Tante Ursula,
die nicht wenig erstaunt war, uns zu sehen. Nun
warten wir hier auf den Abtransport. Zunächst
bekamen wir keine Lebensmittelkarten, sondern nur
einmal eine Suppe. Jetzt gab man uns für 10 Tage
Verpflegung. Mit Mutti war ich gestern in der Charité.
Der Arzt stellte fest, daß Mutti auf dem linken
Ohr ganz taub ist. Die Wunde ist immer noch nicht
zu. Es kam noch ein großer Knochensplitter heraus.
Quelle:
Item – Berlin 1945